ABRAXAS Medienwerkstatt e.V.

Verein für Medien, Kultur und interkulturelle Arbeit

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Soziale Lage

Januar 18th, 2010 · Keine Kommentare

BREMER STRASSE “NIEMANDSLAND”
BRD 1990, 31 Min.
Dortmunder Medienzentrum

Die Geschichte des “Niemandsland” beginnt nach alltäglichem Muster. Die schon lange als Spekulationsobjekt gehandelten 23 Häuser in der Bremer Strasse werden 1985 von dem Immobilienhändler Preil ersteigert. Doch auch für ihn ist der Traum vom großen Geld zwei Jahre später vorbei. Preil ergreift die Flucht und ist Anfang 1988 spurlos verschwunden. Seine Instandhaltungs- und Verwaltungspflichten beschränkten sich jedoch auch in der vorhergehenden Zeit lediglich auf das regelmässige Einsammeln der Mietzahlungen. Forderungen nach dringenden Reparaturarbeiten blieben unbeantwortet. Dabei sind besonders die Häuser Nr. 2. und 4., Baujahr 1896, in denen wir wohnen, in unhaltbarem Zustand.
Die Bank zieht es vor, zwar auf der Mietzahlung zu bestehen, die Verwaltung jedoch lieber dem abwesenden Vermieter zurückzugeben. Deshalb wird die Zwangsverwaltung kurze Zeit später für die Häuser Nr 2. und 4. aufgehoben – wir sitzen im “Niemandsland!” Im Oktober 1988 beginnt unser Mietstreik. Wir gehen an die Öffentlichkeit, verhandeln mit der Stadt, nehmen Kontakt auf zum Mieterverein, zum Wohnbund, zu Rundfunk und Zeitungen, zum Landtagsabgeordneten…
Unsere Befürchtungen wachsen, als die Zwangsversteigerung der Häuser vorzeitig bereits zum 28. Juli 1989 angesetzt wird.
Eine Wohnungsgesellschaft bietet die wohl einzige Alternative für uns. Die Ruhr-Lippe Siedlungsgemeinschaft ist bereit, die Mittel hierfür zu stellen und erscheint zur Versteigerung. Zunächst scheint alles positiv zu verlaufen, doch in letzter Minute gehen die Häuser in Besitz der Gebrüder Bratlisch, zwei Studienräte, wohl nicht zufällig Söhne des Oberamtsrats am Amtsgerichtmelden, über. Doch wir geben nicht auf! Und so kommt es noch einmal zu einer überraschenden Wende. Bremer Strasse “Niemandsland”, eine Dokumentation des Monopoly live – und wie wir es schafften, in diesem unfairen Spiel zu gewinnen.

CRIPPLED TO BE FREE
John Callahan, Didi Danquart
BRD/USA 1993, 34 Min.
Medienwerkstatt Freiburg

John Callahan, Trinker, Frauenheld und schwarzes Schaf einer gutbürgerlichen Familie, bricht sich mit 21 Jahren bei einem Autounfall buchstäblich den Hals. Von der Brust abwärts gelähmt, auf die Wohlfahrt und den guten Willen seiner Mitmenschen angewiesen, säuft er weiter, bis er fast krepiert. Dann hört er auf zu saufen und beginnt zu zeichnen: mit rabenschwarzem Humor, der vor nichts Halt macht – auch nicht vor Behinderten. “Ich als Behinderter nehme mir das Recht, behindertenfeindliche Witze zu machen. Und alle lachen, verschämt oder offen. Am besten gefällt mir, wenn die Leute Protestbriefe an die jeweilige Zeitung schicken, weil sie nicht wissen, dass die Cartoons von jemandem kommen, der keinen Zeh krümmen kann.” (John Callahan)
In dem Film wird Callahan mit einigen seiner Cartoons vorgestellt. Die Aufnahmen entstanden in Portland/USA, wo er seit mehreren Jahren lebt und arbeitet.

DAEDALUS
ein Spielfilm über die Geschichte der Genetik und die Schöpfungsphantasien von Männern
Pepe Danquart
BRD 1990, 95 Min.
Medienwerkstatt Freiburg

Das Jahr 2018 – die Welt in Agonie und der Konzern HeliX Corporation auf dem Weg zur absoluten Kontrolle. Auf ihrer Durchleuchtungsbank liegt ein Mann in aussichtsloser Lage: Professor Daedalus, ein ehemaliger Genetiker, der massgeblich verantwortlich war für die Entwicklung der biologischen Einheit Achthundert.
Er wurde entlassen, als HeliX Corporation begann, sie in Serie zu produzieren: künstlich gezeugte, genetisch optimierte und in Lernmodulen geschulte Wesen. Khira ist eine von ihnen. In leitender Funktion wirbt sie für das Gen-Wash-Verfahren und gerät in Konflikt mit dem Machtanspruch von HeliX. Daedalus, seit damals Putzmann bei HeliX, lebt am Rande der Legalität mit seinem jugendlichen Freund Mino, der als Behinderter schon früh die harte Welt der Ausgestossenen kennenlernen musste. Noch immer glaubt er als Gelehrter an die Veränderbarkeit von Wissenschaft – durch Wissenschaft. Mit Hilfe seines Computers gelingt es ihm, in die geheime Datenbank von HeliX einzudringen. Er überspielt sich historische Bilddokumente der wissenschaftlichen Genetik auf seinen Computer, um sie in nächtelanger Arbeit zu ordnen und zu kommentieren, besessen davon, sein Lebenswerk zu vollenden.
“Daedalus” ist eine Montage zwischen Video und Film, zwischen Narration und Experiment, zwischen Fiktion und Dokument.

DER PANNWITZBLICK
Didi Danquart
BRD 1991, 90 Min.
Medienwerkstatt Freiburg

Ein Film mit einer ungewöhnlichen Sprache, mit ungewöhnlichen Bildern über ein ungewöhnliches Thema: die Aussonderung von geistig und körperlich behinderten Menschen.
Im Faschismus waren es “Propagandafilme”, die – mit den Theorien der Eugeniker – die Massenvernichtung der “nicht normalen Menschen” vorbereiteten.
Damals wurde das Objektiv der Kamera durch die Nazis umfunktioniert zum “gesellschaftlichen Auge”, zum Glasauge der Gesellschaft. Der Faschismus ist bewältigt. Scheinbar. Massenvernichtung gibt es nicht mehr. Aber das Glasauge ist noch da. Daran hat sich nichts geändert. Davon berichten behinderte Menschen, denen erneut Glasaugen “zu Leibe rücken”, auch, um ihre gesellschaftliche Zuordnung zu bestimmen. Euthanasie ist wieder ein Thema geworden in Deutschland.
Der Pannwitzblick ist ein analytischer Montagefilm über Blicke, Kameraeinstellungen und das Verhältnis der Macht des Abbildenden gegenüber dem Abgebildeten: vor der Kamera und dem Auge.

DIE NEUE KUNST DES STRAFENS
BRD 1988, 23 Min.
Medienwerkstatt Freiburg

Im Frühjahr ‘87 ging vor dem Landgericht Stuttgart ein Prozess zu Ende, in dessen Verlauf der Angeklagte sowie Zeugen der Verteidigung von Zwangsbehandlungen mit Psychopharmaka in den Vollzugsanstalten berichtet wurde. Sie bezeugten, dass diese Medikamente nicht nur aufgrund medizinischer Indikationen verabreicht wurden, sondern der “Ruhigstellung von renitenten und querulatorischen Vollzugsstörern” dienten und erzählen von ihren Erfahrungen mit “Betonspritzen”, Beruhigungszellen und die Zwangsbehandlung mit Psychopharmaka als Disziplinierungsmittel in den Knästen.
Der Anstaltsarzt der JVA Straubing, Dr. G. Last, schrieb in der Fachzeitschrift “Therapie der Gegenwart”(Nr. 113): “`Heilen statt Strafen’ ist ein gutes Schlagwort. Es setzt aber voraus, dass der Delinquent bereit ist, sein eigenes Fehlverhalten zu erkennen. Eine derartige Selbsterkenntnis ist in Strafanstalten nicht allzu häufig und oft nur durch die Anwendung von Psychopharmaka zu erreichen (…). Die Wirkungsdauer einer einmaligen Dapotum-D-Injektion wird von verschiedenen Autoren übereinstimmend mit drei Wochen angegeben. Die eigenen Erfahrungen mit Dapotum-D beruhen auf der Behandlung von 193 Patienten im Alter von 23 bis 73 Jahren. Danach ordneten sich 60% der so behandelten Strafgefangenen über ein halbes Jahr, teilweise sogar länger, besser in die Gegebenheiten einer Justizvollzugsanstalt ein.”

JURISTISCHE KÖRPER – CORPORATE IDENTITY PROJECTS
BRD 1996, 50 Min.
QUERBLICK Medien- und Verlagswerkstatt Konstanz

Der Pass markiert den Schnittpunkt zwischen physischem und juristischem Körper. Er ist Ausdruck einer Definitionsmacht, die darüber entscheidet, wer “deutsch” und wer “nicht-deutsch”, wer “Europäer” und wer “Nicht-Europäer”, wer “legal” und wer “illegal” ist.
Die unterschiedlichen Sicherheitsstrategien schaffen zusammen ein dichtes Netz der Kontrolle, durch dass das alltägliche Leben in Europa zunehmend bestimmt und strukturiert wird. Was bedeutet ein Leben ohne Pass? Er ist wann, warum “illegal”? Nach welchen Regeln organisiert sich ein (Über-)Leben in der “Illegalität”?

OBDACHLOS – wenn sie sich bemühen, berührt es mich
BRD 1998, 15 Min.
ein Film von Steffen Kniedel, Halise Adsan und Iris Lachtrup
ABRAXAS Medienwerkstatt e.V. Marburg

Der Film schildert den Alltag von obdachlosen Männern in Marburg. Deren Lebenssituation ist geprägt von der Suche nach Schlafplätzen, der Sorge um die Gesundheit, der Beschaffung von Drogen und der Notwendigkeit zu betteln. Die Erzählungen der Obdachlosen werden kontrastiert durch Äusserungen flanierender Passanten.
Der Film beleuchtet kurz die Hintergründe einiger Obdachlosenbiographien, zeigt die Entsolidarisierung in der Bevölkerung, die sich auf das soziale Netz verlässt, die soziale Ausgrenzung der Betroffenen. Er zeigt aber auch die abgestufte Struktur innerhalb der Gruppe der Obdachlosen und die zunehmende Entsolidarisierung untereinander.
Bettelnde Obdachlose, einkaufende und eisessende Passanten treffen an den gleichen Orten zusammen – und dennoch machen die Bilder die Diskrepanz und scheinbare Unüberwindbarkeit der gegensätzlichen Lebenswelten deutlich.

MIT STOTTERN IM ALLTAG LEBEN
Axel Weber
BRD 1994, 45 Min.
QUERBLICK Medien- und Verlagswerkstatt Konstanz

PASST BLOSS AUF
Ein Film aus der Kultur von unten
BRD 1982, 75 Min.
Medienwerkstatt Freiburg

Die Besonderheit dieses Videofilms liegt nicht darin, dass hier Hausbesetzer, Punks, Demos, bemalte Wände gezeigt werden, sondern wie sie gezeigt werden. Die Bilder werden nicht analysiert, kommentiert, erklärt, die verschiedenen Bildfolgen nicht an- oder abmoderiert; der Film führt Szenen, Fragmente, Einblicke vor, deren Zusammenhang der Zuschauer selbst herstellen muss.
Es ist eine Videomontage aus der Sicht der Hausbesetzer- und Jugendbewegung der 80er Jahre, die das Lebensgefühl dieser Bewegung zum Ausdruck bringt und den Bildern der herrschenden Kultur entgegensetzt.
Bilder, die so nicht zusammengehören und doch nur so einen Sinn ergeben. Einer Hausräumung folgt ein Fest, gefolgt durch die Observation des Staatsschutzes. Es gibt Bambule in der Innenstadt, es werden technische Sinnlosigkeiten verkauft, es wird gefrühstückt, und die Staatsgewalt knüppelt ein Strassenfest zusammen.
Die Punks leben ihr Endzeitgefühl, während andernorts im Schwarzwaldbunker “besonders schützenswertes Kulturgut” mikroverfilmt in Stahlbehältern auf eine strahlende Zukunft wartet.
In der spielerischen Selbstbehauptung lag die Stärke der Bewegung und liegt die Stärke dieses Films. Es ist die Montage einer Realität, die angehalten und in Einzelteile zerlegt, wieder zusammengesetzt wurde.

WEM GEHÖRT DIE WELT
Cöllner Fenster
BRD 1994, 8 Min.

“Wir begrüssen Sie zum Cöllner Fenster, Aktuelles aus der Scheinmetropole. Heute ist der 23. Februar 1994. Wir sind auf dem Bauwagenplatz in Köln Raderthal. Der Platz ist seit viereinhalb Jahren besetzt, alles ist friedlich, das Idyll vollkommen. Doch morgens um acht naht das Unheil…” Der Platz wurde geräumt, die meisten Wagen zerstört, die persönliche Habe der BewohnerInnen vernichtet.
Seitdem zieht der Bauwagenplatz auf der Suche nach einer neuen Bleibe durch die Stadt. Die Vertreibung geht weiter…
Animationsszenen und Dokumentarisches zeichnen die Ereignisse des letzten halben Jahres nach.

MÜSSEN ERST STEINE FLIEGEN…
Ein Portrait des Unistreiks 1997
BRD 1997, 94 Min.
AK Video Marburg in Zusammenarbeit mit der ABRAXAS Medienwerkstatt e.V. Marburg

Während des Uni-Streiks in Marburg hat sich der AK Video gegründet, um mit vielen Videokameras die Ereignisse während des Unistreiks hier und auf den bundesweiten Demos zu dokumentieren. Die Filme wurden täglich in der ABRAXAS Medienwerkstatt geschnitten und dann in der Uni noch am selben Tag vorgeführt.
In diesem Film werden nun alle Reportagen und Dokumentationen zu sehen sein, die während des Unistreiks aufgenommen wurden. Alles zusammen auch eine vorläufige filmische Zwischenbilanz des Streiks, die eventuell auch dazu geeignet ist, zu diskutieren, wie es weitergehen wird, denn der Kampf ist ja noch lange nicht vorbei, auch wenn die Politiker wohl gehofft haben, mit ihrer mächtigen Umarmung und folgenlosen Solidaritätsbekundungen den Streikenden den Elan zu nehmen.
Dieser Film zeigt, dass ihnen das nicht gelungen ist, sondern dass die StudentInnen mit viel Kreativität ihre politische Verantwortung wahrnehmen und auf die Barrikaden gehen. Sie demonstrieren nicht nur für die eigenen Belange, sondern thematisiert wird auch die generell immer weiter zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich in diesem Land und wie eine klientelbesessene elitäre Schicht von Politikern eisern an dieser Umverteilung von unten nach oben festhält.

Tags: Videoarchiv