ABRAXAS Medienwerkstatt e.V.

Verein für Medien, Kultur und interkulturelle Arbeit

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Lesen ist Abenteuer im Kopf – oder sind Medien an allem schuld?

Januar 17th, 2010 · Keine Kommentare

Ein Artikel von Gerda Benesch-Tschanett veröffentlicht im österreichischen medienimpulse-magazin 11/05

Nach dem Pisa-Schock und den daraus resultierenden Diskussionen, wie es denn um das Wissen unserer Schüler/ innen steht und wie es zu verbessern, zu evaluieren, zu standardisieren sei, wurde oftmals auch der Vorwurf laut, dass die „bösen Medien“ und das unkritische Konsumieren von Medienprodukten Schuld am schlechten Abschneiden unserer Schüler/innen bei den PISA-Tests seien. Ob dem wirklich so ist, soll in diesem Essay hinterfragt werden.
Unbestritten ist, dass mediale Erfahrungen die Lebenswelt unserer Schüler/innen in immer höherem Maße prägen. Sie sind ein wichtiger Teil ihrer Erfahrungen und ihrer Wirklichkeitserfassung. Medien spielen eine bedeutende Rolle in der Alltagsorganisation der Schüler/innen, ihrem Freizeitverhalten und ihrem Zugang zu Information, Unterhaltung und Bildung. Darüber hinaus erschließen vor allem die neuen Medien (Internet, Computer, Fernsehen,Video) die Möglichkeit zur aktiven Teilnahme am öffentlichen Diskurs bzw. am weltweiten Erfahrungs- und Meinungsaustausch. Aus pädagogischer Sicht lässt sich hinzufügen, dass der sinnvolle, analytische und kritische Einsatz und Gebrauch von Medien bzw. Medienprodukten wünschenswert und notwendig ist. Viele Eltern bzw. Erwachsene vertreten die Ansicht, dass u.a. der Computer die sinnlichen Erfahrungsmöglichkeiten von Kindern im Kindergarten- und Vorschulalter einschränkt. Dabei wird jedoch übersehen, dass der PC vor allem für Kinder, die noch nicht lesen können, eine enorme Bereicherung ihrer Erfahrungswelt ist. Denn im Umgang mit multimedialen Spiel- und Lernprogrammen sind ganz bestimmte Fähigkeiten und Kompetenzen nötig. Daher wird auch von einer „vierten“ Kulturtechnik gesprochen.

Zudem wachsen Kinder und Jugendliche heutzutage mit unterschiedlichsten Medien auf und nutzen diese selbstverständlich. Für sie sind die verschiedensten Medien eine positive Erweiterung ihrer sonstigen Erfahrungsmöglichkeiten und Teil ihrer Kinder- und Jugendkultur. Medien sind somit integraler Bestandteil der kindlichen Lebenswelt und sie sollen auch selbstverständlicher Bestandteil pädagogischer Konzepte und Ziele, nicht nur in der Schule, sondern auch im Elternhaus sein. Vor allem Kinder verarbeiten Erlebnisse, die sie beschäftigen, emotional bewegen oder ängstigen, aktiv, indem sie darüber sprechen, phantasieren, zeichnen, Rollen spielen. So sind auch Medienerlebnisse ein wichtiger Bestandteil, weil sich Kinder dabei die Beziehung zwischen ihrem eigenen Erlebnis und dem Medienerlebnis vor Augen führen können. In Medienprojekten – auch schon im Vorschulalter – lernen Kinder selbst gestalterisch mit Medien umzugehen und sie themenzentriert produktiv zu nutzen.

Der Verunsicherung der Erwachsenenwelt bezüglich der negativen Beeinflussung durch die Medien steht zum einen der pädagogische Auftrag entgegen, sie über die positive mediale Nutzung, den positiven medialen Zugang und die kritische Auseinandersetzung mit der Medienwelt aufzuklären; zum anderen wird aber auch die gesellschaftspolitische Notwendigkeit einer adäquaten Medienbildung, also Medienpädagogik, postuliert. Daher ist es unerlässlich, Medienerziehung im Schulalltag zur Norm werden zu lassen – egal, ob in speziellen „Medienfächern“ oder integriert im Fächerkanon. Kompetenzen der Schüler/innen sollen erweitert und das Wissen um die differenzierte Nutzung von Medien nachhaltig gestärkt werden. Außerdem muss die Lehrer/innen-Ausbzw. -Fortbildung angepasst an mediale Kompetenzerweiterung, Vertiefung und Bündelung vorhandener Ressourcen mit der Integration von Medienpädagogik Hand in Hand gehen. Denn im Sinne einer Medienalphabetisierung gilt es speziell für Pädagog/innen, die traditionellen Kulturtechniken der Schüler/innen im Sprechen, Lesen und Schreiben um die Bereiche Bild und Ton zu erweitern und so zu einem umfassenden audiovisuellen Bildungsbegriff zu gelangen, zumal Massenmedien zu einer bedeutenden Sozialisationsinstanz für junge Menschen geworden sind. Es ist daher notwendig, sie als solche wahrzunehmen, sie nicht abzuwerten oder zu verteufeln. Es gilt einen passenden Umgang mit Medien zu finden, der neben inhaltlicher Auseinandersetzung auch die Reflexion über die mediale Berichterstattung beinhaltet.Werden diese Ansatzpunkte beachtet, ist es schwer vorstellbar, dass neue Medien das rezeptive Verhalten der Schüler/innen nachhaltig negativ beeinflussen.

Aus einem Gymnasium kommend, das sich als Schwerpunkt in der Oberstufe MEDIENERZIEHUNG gesetzt hat und im Rahmen der Möglichkeiten der autonomen Veränderungen in der Oberstufe neue Medienfächer in Theorie und Praxis geschaffen hat, weiß ich, speziell nach einer Evaluation durch die Universitäten Wien und Salzburg, dass sich am Leseverhalten der Schüler/innen, die verstärkt mit den neuen Medien(fächern) konfrontiert sind, nichts zum Negativen hin ge- bzw. verändert hat. Dennoch erweckt so manche Diskussion in der Öffentlichkeit den Eindruck, dass das Lesen bzw. die Lesekompetenz der Schüler/innen eine zu behandelnde Krankheit sei. „Lesen ist Abenteuer im Kopf“ lautete einmal ein Slogan,

der die Lesekultur im Lande ankurbeln sollte. Das bedeutet für mich als Germanistin und Didaktikerin, dass Gelesenes und die durch Lesen im Kopf entstandene Phantasiewelt im Unterricht, aber auch im Elterhaus besprochen werden soll und muss.Weiters ist es in der heutigen Zeit notwendig, im Unterricht Texte auch laut vorzulesen,um damit Präsentationstechniken und rhetorische Stilmittel zu trainieren. Wird also die pädagogische Herausforderung wahrgenommen, können audiovisuelle Fertigkeiten eine gute Ergänzung zum Lesen sein. Zumal sich lesen eben nicht nur auf schnelles Durchlesen eines Textes bezieht, sondern auch Rezeption bzw. inhaltliches Sinnerfassen inkludiert. Wenn das Lesen jedoch nur auf messbar überprüfbare Komponenten reduziert wird, dann beschränkt man es lediglich auf den mechanischen Aspekt und wird dem ganzheitlichen selbständigen Informationserwerb nicht gerecht. Es gibt auch kein standardisiertes Testverfahren, das Lesekompetenz seriös abfragen kann, da Tests im Schulalltag, anders als Tests im Labor, von vielen Zufallsfaktoren abhängen (z.B. vom Lärm auf dem Gang, einer duftenden Wurstsemmel im Bankfach, uvm.). Nur ein methodisch abwechslungsreicher Unterricht, der den Schüler/innen kommunikative, analytische, interpretative und produktiv mediale Kompetenzen vermittelt, führt zum Erfolg.
Zusammenfassend sei gesagt, dass gut aufbereitete Medienerziehung Fertigkeiten erweitert und die Fähigkeit Texte zu lesen keineswegs negativ beeinflussen muss, sondern ihre Veranschaulichung positiv unterstützen kann. Daher dürfen wir getrost unseren Kindern neben wohldosiertem Medienkonsum im Sommer Bücher in die Hand drücken. Denn Lesen ist „hipp“ und passt durchaus zu Sommerferien, Sonnenschein, Sommerwiesen, Badepritschen und sommerlichen Gewittertagen!

Tags: Medienkompetenz

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